The Nuclear-Free Future Award

für eine Zukunft frei von Atomwaffen, Atomenergie und Uranmunition

09.09.2016

Der Prophet der Energiewende

Klaus Traube ist tot. Der erste prominente Atomaussteiger Deutschlands ist am 4. September in seinem Haus in Oberursel (Hessen) gestorben). Er wurde 88 Jahre alt. An Stelle eines Nachrufs bringen wir das Porträt, das unser Mitarbeiter Claus-Peter Lieckfeld verfasste, als Traube im Herbst 2000 in Berlin den Nuclear-Free Future Award erhielt. Wir trauern um eine Frontfigur der Anti-Atom-Bewegung.

 

The Making of Professor T.

Ein Porträt von Claus-Peter Lieckfeld zur Preisverleihung 2000 in Berlin

Für die Generation jener Deutschen, die Mitte der Siebziger den Kampf gegen die sogenannte friedliche Kernenergie-Nutzung aufnahmen, ist "Klaus Traube" einer dieser Namen, die ganze Horizonte von Emotionen aufreißen. "Symbolfigur" wurde er verschiedentlich genannt und "tragischer Held wider Willen". All diese Stempel mag der 72jährige Klaus Traube, Ex-Atommager und später einer der profiliertesten AKW-Gegner, heute so wenig wie damals, als er dem deutschen Verfassungsschutz ins Fahndungsraster geriet. Traube argumentiert lieber als dass er sich duelliert: Zum Beispiel hält er der rot/grünen Regierung übertrieben kompromisslerische Haltung vor, die sie in den Atom-Ausstiegs-Verhandlungen mit der Atomindustrie an den Tag legt. Skandalöser noch erscheint ihm der vorauseilende Gehorsam, mit dem Gerhard Schröder, "der Kanzler aller Autos", der deutschen Autoindustrie alle PS-Exzesse und Geschwindigkeits-Räusche erlaubt.

Müßte Traube die Kurz-Charakteristik seiner Person selbst schreiben, würde er "den alten Kram mal auf sich beruhen lassen", und an dieser Stelle die Themen "Auto-Manie" und "Atom-Ausstieg" vertiefen. Aber das geht nicht. Denn "the making of Professor T." ist nun mal Zeitgeschichte der Bundesrepublik – Unterkapitel: ökologische Erschütterung der Republik/West.

Als Traube 1975/76 Opfer eines sogenannten "Lauschangriffs" durch den westdeutschen Geheimdienst wurde, lagen rund 16 Berufsjahre als Reaktorfachmann bei der AEG, bei General Dynamics in San Diego und schließlich als geschäftsführender Direktor von INTERATOM hinter ihm.

Der Vorwurf, die Nähe zu Terroristen gesucht zu haben, erwies sich als völlig haltlos – aber nach dem staatlichen Schlag ins Wasser, war für den Wissenschaftler nichts mehr wie vorher. Zumal Erinnerungen wach wurden. Als 17 jähriger Sohn eines jüdischen Zahnarztes hatten ihn die Nazis noch kurz vor Kriegsende ins KZ geschleppt; von daher war Klaus Traube (ohne dass sich deshalb für ihn gedanklich eine Kontinuität des Hitler- zum Bonner Deutschland ergeben hätte) ein großes Unbehagen an "-Diensten" und "Überwachern" geblieben. "Meine Sozialisation verlief von da an links", kommentiert er.

Traube setzte sich nach der Kollision mit der Staatsmacht, die damals noch zu 100% "Atom-Schutzmacht" war, als Publizist und Direktor des Instituts für Kommunale Energiewirtschaft an der Universität Bremen (von 1990 bis zu seiner Emeritierung 1997) für Energie-Wege jenseits von Atom und exzessiver Nutzung fossiler Brennstoffe ein. Seine Berechnungen zur Reduzierung der Kohlendioxidbelastung wurden zu Vorlagen im Deutschen Bundestag. Seine weitgespannte Informations-Arbeit zu Strom-Preisgestaltung, zu "Wachstum oder Askese", "Ausstiegs-Szenarien", "Plutoniumwirtschaft", zu "Tschernobyl und die Konsequenzen", und schließlich "Autoverkehr 2000" machten Klaus Traube zu einer verlässlichen Größe für all jene, die Argumente ins Feld führen wollen. Mehr als 40 technisch/wissenschaftliche Fachartikel festigten seinen wissenschaftlichen Rang.

Klaus Traubes Wut ist jung geblieben angesichts der ökologischen Schwerhörigkeit der meisten Regierenden; trotzdem blickt er nicht verbittert auf sein gelebtes Leben gegen die Atomstromer. Die Schreckensvision vom "Atomstaat", der alle demokratischen Errungenschaften den Sicherheitsbedürfnissen einer unmenschlichen Technologie opfert – dieses Schreckbild, das Traubes großer Weggefährte und Freund Robert Jungk am Horizont aufziehen sah – hat sich nicht erfüllt. Das hat viele Gründe. Bei einem kann man sich dieser Tage sogar per Handschlag bedanken.