The Nuclear-Free Future Award

für eine Zukunft frei von Atomwaffen, Atomenergie und Uranmunition

23.06.2016

Energie-Wende und Land-Wende. Eine Buchempfehlung

Der Autor Michael Beleites begleitet uns seit 1992, da er auf dem World Uranium Hearing über die Geschichte von Wismut Zeugnis ablegte. Aus der DDR-Region Wismut holte sich die Sowjetunion ihr Uran, umgeben von einem Mantel der Geheimhaltung. Diese Ummantelung zerstörte Michael Beleites, als er seine Dokumentation in einer Kleinfilmdose in den Westen schmuggelte, wo sie vor dem Fall der Mauer unter dem Titel „Pechblende“ veröffentlicht wurde. Jetzt hat Beleites wieder Mut gezeigt – mit einer Landwirtschaftsbetrachtung der eigenen Art.

Beleites betrachtet die Krise der Agrarwirtschaft aus der Perspektive der Umweltresonanz. Dies ist seine Hypothese: Nicht Kampf und Konkurrenz bestimmen die Entwicklung der Arten, sondern der Zugang zu natürlichen Umweltinformationen, zu lebensformenden Kräften. Zweifel an der Selektionstheorie hatten schon viele; eine schlüssige Alternative gab es bisher nicht. Für Beleites liegt die Lösung jenseits von Darwinismus und Kreationismus: Im Zusammenhang zwischen genetischer Variation und ökologischem Milieu ist das Wirken der Natur erkennbar.

Michael Beleites (geb. 1964) war in der DDR-Umweltbewegung in vorderster Front und verhalf uns im Westen zu einem Einblick in den Uran-Staat-im-Staat Wismut. Von 2000 bis 2010 war er Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Dort begegnete er seiner eigenen Vergangenheit, als er waghalsig seine Uran-Dokumente durch den Eisernen Vorhang schmuggelte. Als Zoologischer Präparator und Landwirt näherte er sich seinen zoologischen Studien; zu Hilfe kamen ihm dabei seine Arbeiten am wissenschaftlichen Nachlass des Ornithologen Otto Kleinschmidt in Wittenberg, die er 1994 begann.

Der reduktionistischen Biologie stellt Beleites eine organismische Biologie gegenüber, die die Funktionen der Organismen auf Systemeigenschaften der Arten und Ökosysteme zurückführt, deren Organe sie sind. Er erklärt den genetische-ökologischen Zusammenhang aus vier, von ihm erstmals eingenommenen Perspektiven: genetische Kohäsion, dynamische Erblichkeit, organismische Integration, Umwelt-Resonanz. Dies legte er in seinem umfangreichen, 2014 erschienenen und viel diskutierten Werk „Umweltresonanz“ akribisch dar.

Jetzt betrachtet er aus diesem Blickwinkel die Welt der Bauern. Seine Erkenntnis: Es sind nicht die profitgierigen Landwirte oder geizige Verbraucher, die die Industrialisierung der Landwirtschaft antreiben, sondern vielmehr das allgegenwärtige Wettbewerbssystem. Der Verdrängungswettbewerb von „Wachsen oder Weichen“ der Höfe nötigt viele Landwirte dazu, Dinge zu tun, die ihnen von den Saatgutkonzernen und Maschinenherstellern aufgezwungen werden. Und so untersucht der Autor die Wettbewerbslogik zunächst dort, wo sie herkommt – in der Biologie.

Sein Befund: Nicht Kampf und Konkurrenz leiten die Naturprozesse, sondern Kooperation und ökologische Integration, kurz: die Umweltresonanz. Eine vom Selektionsdenken befreite Biologie entzieht der Wettbewerbs-Logik unserer Zeit das Fundament. Michael Beleites analysiert die aktuelle Situation und benennt Handlungsräume, die für ein verantwortungsvolles Umsteuern nötig sind. Die überfällige Agrar-Wende wird als Land-Wende aufgezeigt, die den Dorfbewohnern Versorgungssouveränität und Lebensqualität zurückgibt. Nun kommt es auf die Resonanz an, die dieses Buch in den Kreisen derer, die das Land bestellen, hervor ruft.

Das Buch ist in der Reihe „Agrarkultur im 21. Jahrhundert“ der Schweisfurth-Stiftung erschienen und kann bestellt werden über: Schweisfurth Stiftung, Rupprechtstr. 25,. 80636 München, www.metropolis-verlag.de