The Nuclear-Free Future Award

für eine Zukunft frei von Atomwaffen, Atomenergie und Uranmunition

20.06.2016

Weil Brot und Atomkraft sich nicht vertragen. Nachruf auf Siegfried Stocker von Claus Biegert

(c) Hofpfisterei

Siegfried Stocker war einer unserer längsten und treuesten Unterstützer. Als mich die Nachricht seines Todes erreichte, trat aus meiner Erinnerung unsere erste Begegnung hervor: Es war 1990, und ich suchte nach Wegbereitern für das World Uranium Hearing, das für 1992 in Salzburg in Arbeit war. Auf meine Liste potentieller Kandidaten hatte ich auch die Münchner Hofpfisterei gesetzt.

Ich wusste aus den Medien, dass Siegfried Stocker zusammen mit seiner Frau Margaretha 1989 den Entschluss gefasst hatte, den Weg der Pestizide, der Dünge- und Backmittel zu verlassen. Das Schicksal wollte es, dass just zu der Zeit die Müllermühle in Landshut zum Verkauf stand und in den Stockerschen Besitz überging. Nun war der Produktionspfad vom Getreide zum Brot in einer Hand, und die Hofpfisterei, gegründet 1331, wurde wieder nahezu ihrem Namen gerecht, denn ein Pfister war Getreidehändler und Müller und Bäcker. Für die Öko-Umstellung war es natürlich auch von Vorteil, den Zugriff auf alle Produktionsmittel zu haben. Doch der Pfister-Plan hatte eine Lücke: Öko-Brot braucht Öko-Mehl; auf der weiten bayerischen Flur aber gab es nur zwei Bauern, die ökologischen Feldbau betrieben. Also war Siegfried Stocker von Dorf zu Dorf gezogen mit dem Ziel, Landwirte umzustimmen und vom Ökolandbau zu überzeugen, um sie dann als künftige Getreidelieferanten unter Vertrag zu nehmen. Es war eine Pilgerreise im Zeitalter des Paradigmenwechsels.

Einer von dieser Art, so mutmaßte ich, würde verstehen, warum es notwendig war, Leidtragende von Uranabbau, Atomwaffentests und Atommülllagern zu einer Aussprache nach Europa zu holen. Tschernobyl hatte unser Wohlergehen gefährdet, aber niemand sprach von den Menschen, die wir durch unseren Energiehunger und unsere nukleare Abschreckungspolitik gefährden.

Obgleich für ihn ein Unbekannter, bekam ich sofort einen Termin. Dann saß ich in seinem Büro in der Kreittmayrstraße 5, durchs Fenster kam ein süßlich-würziger Duft von draußen, nicht unähnlich dem, der beim Bierbrauen entsteht. Ich schnupperte hörbar und er sagte knapp und stolz: "Unser Sauerteig." Der Pfistersche Sauerteig ist ein Stück bayerische Brotgeschichte, 1982 das letzte Mal angesetzt und seitdem doch jeden Tag frisch. Einen vollen Tag braucht er, bis die Enzyme das Roggenmehl aufgeschlossen haben und die Hefepilze und Milchsäurebakterien ihre Arbeit tun. Natursauerteig verlangt Geduld und fiel anderswo daher in den letzten Jahrzehnten dem Beschleunigungskurs der Industrie zum Opfer und wurde durch Kunstsauerteig ersetzt. Das Getreide wird vorher auf 250 Schadstoffe geprüft. Also ein Grund, stolz zu sein.

Ich erzählte von unserem Vorhaben. Und er nickte. Es war klar für ihn: Brot und Atomkraft passen nicht zusammen. Wenn der Boden einmal radioaktiv verseucht ist, dann braucht er sein Getreide auch nicht mehr auf Schadstoffe zu testen. „Ich gebe Ihnen 20.000 Mark“, sagte er, stand auf und holte sein Scheckbuch. „Das ist von meinem persönlichen Konto.“
Im Jahr 1992, da wir das World Uranium Hearing in Salzburg abhielten, waren Margaretha und Siegfried Stocker auf ihre Weise wieder rührig: Sie gründeten eine Bio-Metzgerei, die sie „Landfrau“ nannten. Denn, so die Stockers: „Auf eine Bio-Semmel gehört auch ein Bio-Schinken.“ Im Jahr drauf bat er mich zur Jahresversammlung der Hofpfisterei ins Hofbräuhaus. „Erzählen Sie meinen Mitarbeitern, für was Sie mein Geld ausgegeben haben; das sollen alle wissen, was Sie und ihre Leute machen!“

Als 1998 der Nuclear-Free Future Award ins Leben gerufen wurde, war es für Siegfried Stocker von nun an selbstverständlich, bei meinem jährlichen Besuch den Füllfederhalter aus dem Jackett zu nehmen und einen Scheck auszustellen. Siegfried Stocker war ein Wegweiser für unsere oft orientierungsverlorene Gesellschaft, sein besonderes Merkmal war der gesunde Menschenverstand. Er wurde 71 alt.